{"id":197,"date":"2015-05-26T20:05:24","date_gmt":"2015-05-26T20:05:24","guid":{"rendered":"http:\/\/xn--schnleber-27a.org\/?page_id=197"},"modified":"2015-05-26T20:38:38","modified_gmt":"2015-05-26T20:38:38","slug":"texte","status":"publish","type":"page","link":"http:\/\/xn--schnleber-27a.org\/?page_id=197","title":{"rendered":"Texte"},"content":{"rendered":"<p><span style=\"text-decoration: underline;\"><strong>Katalog Bilder 95 &#8211; 99, Regensburg 1999, S. 5 \/ Autor: J\u00fcrgen Sch\u00f6nleber<\/strong><\/span><\/p>\n<p><strong>&#8222;Was wollen Sie mit diesem Bild sagen&#8220;. <\/strong>Eine Frage \u00fcber die der versierte Kunstbetrachter vielleicht l\u00e4chelt, welche sich aber trotzdem zur weiteren Reflexion lohnt. Die Frage resultiert aus einer Eigent\u00fcmlichkeit der Sprache, welche auf der Unterscheidung von Medium und Sinn aufbaut. Das Medium in der Sprache w\u00e4re zum Beispiel ein akustisches Signal, eine Silbe oder eine sichtbare Spur, ein Buch\u00adstabe welcher aufgrund eines wiederholbaren Zusammenhangs innerhalb der Strukturen Wort, Satz, Grammatik identifiziert werden kann. Allein diese wiederholbaren Prozesse machen aber noch keine Sprache. Sprache setzt n\u00e4mlich immer schon einen vorhandenen Sinn voraus. Sinn hat nach Niklas Luhmann nichts zu tun mit dem &#8222;fast vergessenen Sinn des Seienden, seinen Wesensformen, den Ideen&#8220;, sondern mit &#8222;Strukturen nur f\u00fcr den momentanen Gebrauch zur Bewahrung von Selektivit\u00e4t und zur Einschr\u00e4nkung von Anschlu\u00dff\u00e4higkeit&#8220;. Das soll bedeuten, Sprache mu\u00df \u00fcber die pure Information hinaus als Mitteilung verstanden werden, um daran dann an das Verstandene anschlie\u00dfen zu k\u00f6nnen. Sinn ist in diesem Zusammenhang die Rekursion vergangener Selektionen im Hinblick auf einen ge\u00adgenw\u00e4rtigen Zustand mittels Leistungen des Erinnerns und Vergessens. Durch die\u00adses Vorgehen ist Kommunikation als gesellschaftlich konstituierendes Medium m\u00f6g\u00adlich, Luhmann w\u00fcrde sagen wahrscheinlich. Was aber haben diese grunds\u00e4tzlichen Betrachtungen \u00fcber Sprache und Kommunikation mit meinen Bildern zu tun. Das Vorhanden Sein wiedererkennbarer Formen im Gegenstand mag vielleicht zur falschen Rezeption verleiten. Die Rekursion auf bereits Verstandenes innerhalb eines direkten lebensweltlichen Zusammenhangs, zum Beispiel Umweltzerst\u00f6rung, liegt darum um so n\u00e4her. Aber auch ein v\u00f6llig ungegenst\u00e4ndliches Bild w\u00fcrde viel\u00adleicht als Ausdruck, zum Beispiel von Gef\u00fchlen, interpretiert. Mit solchen Rekursio\u00adnen haben aber meine Bilder nichts zu tun. Selbst die Titel der Bilder werden nachtr\u00e4glich verliehen und sind eher ironisches Beiwerk. Mir geht es vielmehr um ein unmittelbares Gefallen. Also ganz anders als bei den von mir, ich glaube un\u00ad\u00fcbersehbar, gesch\u00e4tzten Malern der Art Brut, also der Kinder oder Geisteskranken. Schon das Wort Gefallen impliziert Beliebiges, ein kontingentes Spiel zwischen Lust und Unlust. Rem Koolhaas analysiert in seiner architektonischen Beschreibung der Baut\u00e4tigkeit im River Delta im Hinterland von Hong Kong \u00e4hnliches, wenn er sie nicht als das &#8222;Hinarbeiten auf ein Ideal, sondern das opportunistische Ausbeuten von Zufallstreffern, Ungl\u00fccksf\u00e4llen und Unfertigem&#8220; charakterisiert. Genau diese differente Reaktion auf die entstehende Kontingenz ist aber das Geheimnis, welches meiner Meinung nicht nur mit den tiefen Schichten des Unbewu\u00dften reduziert wer\u00adden kann. Der zweite Schritt setzt aber \u00fcber das spontane Gefallen hinaus eine Reflektion, quasi eine Beobachtung der eigenen Beobachtung, voraus. Es kommt der wichtige Aspekt des Neuen als das eigentliche Kriterium f\u00fcr Kunst dazu. Auch hier ist nicht ein sprachlich prozessierbarer &#8222;eigentlicher&#8220; Sinn oder diverse Tabu\u00adbr\u00fcche wie vielleicht bei einem Gro\u00dfteil der k\u00fcnstlerischen Moderne gemeint. Das Neue kann im Detail der Darstellung, im Farbauftrag oder in der Kombination ver\u00adschiedener gegenst\u00e4ndlicher oder ungegenst\u00e4ndlicher Bildelemente liegen. Das Neue ist vielleicht auch der Ber\u00fchrungspunkt mit der Art Brut, deren wichtigste<\/p>\n<p>Eigenart das Nicht &#8211; Wissen ist, nicht nur im Bereich der Kunst, sondern auch im Hinblick auf die Reduziertheit der Begriffe. Diese mangelnde F\u00e4higkeit Anschl\u00fcsse herzustellen korrespondiert oft mit einem verbl\u00fcffenden, zumindest im Malproze\u00df anzustrebenden Reichtum der Gesten. Die Schwierigkeit beim Malen &#8222;Neuer&#8220; Bilder besteht jedoch, wenn man wie ich kein Kind und nicht geisteskrank ist, in der Oszillation des Nicht-Wissens, im Vergessen, w\u00e4hrend des Malvorganges und der<\/p>\n<p>Auswahl der Bildelemente anhand des Erinnerns, des Wissens um die Vorg\u00e4nger\u00adkunst. Auch wenn Sie das Neue in meinen Bildern nicht sehen k\u00f6nnen, werden sie Ihnen, so hoffe ich, &#8222;gefallen&#8220;. \u00dcber diese vielleicht auch nur scheinbare Zuf\u00e4lligkeit dieses Gefallens, kann man sich aber mit sich und anderen nat\u00fcrlich sinnvoll unter\u00adhalten, wobei sich der kommunikative Kreis, die Differenz von K\u00fcnstler und Betrachter, zu schlie\u00dfen beginnt.<\/p>\n<p>J\u00fcrgen Sch\u00f6nleber: Bilder 95 &#8211; 99, Regensburg 1999, S. 5<\/p>\n<p><span style=\"text-decoration: underline;\"><strong>Rede des OB Schaidinger zur Verleihung des Kunstf\u00f6rderpreises der Stadt Regensburg 2004<\/strong><\/span><\/p>\n<p><span style=\"font-size: 10.0pt;\">Sehr geehrte Damen und Herren,<br \/>\nsehr geehrter Herr Sch\u00f6nleber, <\/span><\/p>\n<p><span style=\"font-size: 10.0pt;\">Selten entwickelte ein K\u00fcnstler in kurzer Zeit so gro\u00dfe Ausdruckskraft wie Sie dies taten, Herr Sch\u00f6nleber. Heute habe ich die Ehre, Sie daf\u00fcr in den erlauchten Kreis der Regensburger Kulturf\u00f6rderpreistr\u00e4ger aufzunehmen. Sie sind der stets fragende Sinnsucher unter den Preistr\u00e4gern von heute. Das Sinnsuchen ist eine der zentralen Gr\u00f6\u00dfen in der Kultur.<br \/>\nIhre Bilder kehren das Innerste nach au\u00dfen. In Ihrer Kunst tun Sie etwas, was sich andere nicht trauen. Sie zeigen die dunklen und die hellen Flecke im Leben, die Abgr\u00fcnde, die andere kaum zu denken wagen. Umzingelt von einer aseptischen Konsum\u00e4sthetik stellen Sie die Sinnfrage, die andere f\u00fcr altmodisch halten. Genau das halte ich heute f\u00fcr so notwendig und genau daf\u00fcr erhalten Sie heute diesen Preis. <\/span><\/p>\n<p><span style=\"font-size: 10.0pt;\">Ihr Selbstportrait aus dem Jahr 1994, \u00d6l auf Leinwand, schwarz, grau, rot, die Augen zugekniffen, den Kopf eingezogen, die Brust gepanzert, voller Energie, eine Rakete kurz vor dem Start. Und dann erkennt man in diesem Portrait vor dunkelrotem Hintergrund eine Sphinx, ein r\u00e4tselhaftes, undurchschaubares Wesen, halb gefl\u00fcgelter L\u00f6we, halb Frau, das in der griechischen Mythologie jedem, der des Weges kam, R\u00e4tsel aufgab und ihn t\u00f6tete, wenn er sie nicht l\u00f6sen konnte. Sinnsuche. <\/span><\/p>\n<p><span style=\"font-size: 10.0pt;\">Sehr geehrter Herr Sch\u00f6nleber, Sie haben im Laufe weniger Jahre einen unverwechselbaren k\u00fcnstlerischen Gestus entwickelt. Sie haben einen \u00fcberaus eigenst\u00e4ndigen k\u00fcnstlerischen Weg fernab aller Trends in der traditionsreichen Technik &#8222;\u00d6l auf Leinwand&#8220; eingeschlagen. In kurzer Zeit gelang es Ihnen, v\u00f6llig unpr\u00e4tenti\u00f6s auf sich aufmerksam zu machen. 1993 verlieh Ihnen das bayerische Kultusministerium den Deb\u00fctantenpreis; 1996 erhielten Sie den erstmalig ausgeschriebenen Preis des hiesigen Kunst- und Gewerbevereins f\u00fcr die &#8222;interessanteste Arbeit&#8220;.<\/span><\/p>\n<p><span style=\"font-size: 10.0pt;\">Ich erinnere mich noch gut an Ihre Ausstellung vor zwei Jahren in der St\u00e4dtischen Galerie &#8222;Leerer Beutel&#8220;. Sie nannten sie &#8222;very important paintings&#8220;. Gezeigt haben Sie circa 20 ihrer j\u00fcngsten Arbeiten und spielten den Gegensatz zwischen den repr\u00e4sentativen &#8222;very important paintings&#8220; der Kunstgeschichte und dem eigenen subjektiven, gestischen Ansatz aus. Im Katalog zu dieser bemerkenswerten Ausstellung ist zu lesen: &#8222;Er besch\u00e4ftigt sich nebenbei mit Philosophie und Kulturgeschichte: es ist ihm der kulturelle Ballast vertraut, weshalb ihm die Erkenntnis gekommen sein mag, dass tradierte kulturelle Werte oft nicht mehr ihrem eigentlichen Wesen entsprechen. Logik und Vernunft werden damit zu Begriffen, die dem urspr\u00fcnglichen Empfinden eines Menschen diametral entgegengesetzt sind und kreative Prozesse fast zu unterbinden scheinen.&#8220; <\/span><\/p>\n<p><span style=\"font-size: 10.0pt;\">Der Motor Ihrer Arbeit ist das eigene Erleben und so oszilliert Ihr Werk zwischen naturwissenschaftlichen Gesetzm\u00e4\u00dfigkeiten und subjektiver Wahrnehmung.<br \/>\nEs spiegelt so den Werdegang des J\u00fcrgen Sch\u00f6nleber, der 1965 in N\u00fcrnberg das Licht der Welt erblickte. Der studierte Maschinenbauingenieur kam 1989 zur Philosophie, ein Fach, das er in Regensburg und M\u00fcnchen studierte und gleichzeitig auch zur Kunst. <\/span><\/p>\n<p><span style=\"font-size: 10.0pt;\">Ich freue mich, sehr geehrter Herr Sch\u00f6nleber, Ihnen heute einen Kulturf\u00f6rderpreis der Stadt Regensburg 2004 \u00fcberreichen zu k\u00f6nnen. Ich gratuliere Ihnen im Namen der Stadt von ganzem Herzen zu dieser Auszeichnung!<\/span><\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p><span style=\"text-decoration: underline;\"><strong>Rede von Maria Kronfeldner zur Ausstellungser\u00f6ffnung im ev. Krankenhaus 2003<\/strong><\/span><\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p><strong>Bestimmte Zuf\u00e4lle \u2013 eine Hommage<\/strong><\/p>\n<p>Maria E. Kronfeldner<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Kunst und Philosophie begegnen sich nur noch selten und wenn, dann nicht hautnah. Eine hautnahe Begegnung ergibt sich wenn ein praktisches Problem der Kunst, wie man Kunst macht, mit einem theoretischen Problem der Philosophie kollidiert. Eine solche Kollision ereignete sich vor einiger Zeit zwischen J\u00fcrgen Sch\u00f6nleber und mir, bzw. zwischen seinen Bildern, seinen Aussagen dazu und meinen \u00dcberlegungen zu Kreativit\u00e4t, Freiheit und Zuf\u00e4llen: Was ist Kreativit\u00e4t und wie kann man sie erkl\u00e4ren?<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p><strong>Freiheit?<\/strong><\/p>\n<p>Die Idee der Freiheit ber\u00fchrt: Sie ber\u00fchrt das Herz, das pers\u00f6nliche, das politische, das metaphysische. Wegen ihr begann ich als junger Mensch mit der Philosophie als Disziplin unserer Akademien. Doch die Irritationen blieben nicht aus. \u201eFreiheit\u201c schien das falsche Wort zu sein. Das, was ich unter Freiheit verstand, war anscheinend nicht das, was Philosophen unter Freiheit verstanden.<\/p>\n<p>Freiheit ist ein Wort, das den Philosophen viel bedeutet \u2013 eine hl. Kuh, die sich fast nur noch an die Idee der Kontrolle anlehnt. Es geht in den Freiheitsdebatten der Philosophie nur um die Frage, wer oder was das Handeln bzw. den Willen <em>kontrolliert<\/em>. Die deterministische Welt, Gott, der omnipotente Neurologe, die Matrix, das System, das Unbewu\u00dfte \u2013 oder das Ich. Autonomie ist dabei nur ein anderes Wort f\u00fcr eine <em>ganz bestimmte Art<\/em> der Kontrolle. Sie soll sich von anderen Arten der Kontrolle unterscheiden und als Selbstbestimmung die Auszeichnung \u201efrei\u201c verdienen. Freiheit wurde so zu: freier Kontrolle. Diese Idee der Freiheit ist vielleicht sogar die hl. Kuh schlechthin der abendl\u00e4ndischen Philosophie und Wissenschaft.<\/p>\n<p>Ich dachte bei dem Wort Freiheit an etwas anderes. Doch an was ich dachte, wusste ich nicht wirklich. Die Philosophie war keine gro\u00dfe Hilfe. Ich hatte keine Worte, nur Intuitionen. Ein Ausstellungskatalog des K\u00fcnstlers J\u00fcrgen Sch\u00f6nleber war der Anfang einer Wende. Sch\u00f6nleber schrieb \u00fcber den k\u00fcnstlerischen Schaffensprozess und sprach in Anlehnung an Koolhaas von der Idee des \u201eopportunistischen Ausbeutens von Zufallstreffern, Ungl\u00fccksf\u00e4llen und Unfertigem\u201c. Es sei das \u201eGeheimnis&#8220;, das nicht reduziert werden kann auf ein Bestehendes, auch &#8222;nicht auf die tiefen Schichten des Unbewussten&#8220;.<\/p>\n<p>Der Gleichstrom des akademischen Freiheitsdiskurses in meinem Kopf war durchbrochen und die Intuition fand Worte: Diese <em>Nichtreduzierbarkeit<\/em> auf irgendeine Kontrolle im Entstehungsprozess meinte ich, wenn ich an Freiheit dachte \u2013 sei es die Kontrolle des inspirierenden Gottes, der Umwelt oder des Unterbewusstseins oder des bewussten cartesischen Egos. Endlich hatte ich auch ein anderes Wort daf\u00fcr, das sich \u2013 wie ich hoffte \u2013 nicht so leicht von der Idee der Kontrolle vereinnahmen lassen w\u00fcrde: Kreativit\u00e4t.<\/p>\n<p>Freiheit, die ich meinte, genauer Kreativit\u00e4t, ist im einfachen Wortsinne die Hervorbringung von Neuem. Das Interessante ist, dass das Ausbeuten des Zufalls die einzige Art ist, wie logisch gesehen genuin Neues erkl\u00e4rt werden kann.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p><strong>Das genuin Neue \u2013 nur durch den Zufall<\/strong><\/p>\n<p>Seit Platons <em>Menon<\/em> (80d-86e) wird die Genese des genuin Neuen als ein Paradox formuliert: Wie kann man das genuin Neue entdecken oder erfinden, wie kann man nach einer L\u00f6sung f\u00fcr ein echtes Problem suchen, wenn man nicht wei\u00df, nach was man sucht. Wenn man danach suchen kann, kennt man es bereits. Wenn man es noch nicht kennt, kann man nicht danach suchen.<\/p>\n<p>Auf dieses Paradox kann man auf zwei Arten antworten:<\/p>\n<ul>\n<li>Man sucht nicht wirklich. Man erinnert oder <em>re-pr\u00e4sentiert<\/em>.<\/li>\n<li>Das genuin Neue erfordert einen Sprung, eine Spontaneit\u00e4t: Nur \u201eblind\u201c, d.h. ohne Voraussicht bzw. Voraussage und somit ohne Planung, Kontrolle und Methode, kann es erreicht werden.<\/li>\n<\/ul>\n<p>Platon selbst w\u00e4hlte die erste L\u00f6sung, indem er von der Angeborenheit allen Wissens ausging. Aber auch Inspirationstheorien und empiristisch-assoziationistische Theorien der Kreativit\u00e4t antworten im Sinne der ersten L\u00f6sung. Popper w\u00e4hlte die zweite L\u00f6sung und schloss daraus, dass Kreativit\u00e4t nicht-rational sei, d.h. jenseits der Rationalit\u00e4t.<\/p>\n<p>Und es stimmt: Das rationale, kontrollierende Ego, kann sich nicht selbst aus dem Alten in das Neue helfen. Man kann willentlich den Arm heben, aber man kann nicht willentlich das genuin Neue hervorbringen. Die Konzepte der Philosophen \u00fcber die Kraft des bewussten Geistes versagen in Bezug auf das genuin Neue. Jene F\u00e4lle, in denen der Geist als Steuermann Neues hervorbringt, sind nur F\u00e4lle von Neuanwendungen und Ableitungen des bisher Gewussten. Doch auf sie bezieht sich Platons Paradox nicht. Platon bezog sich auf wirkliche Sch\u00f6pfungen, in denen das Neue nicht schon im Alten enthalten ist. Es geht bei dem Paradox um die Einsicht, dass der Geist nicht f\u00e4hig ist, sich aus eigener Kraft aus den eigenen Grundfesten heraus zu erneuern.<\/p>\n<p>Das kontrollierende Ego f\u00e4llt also als Erkl\u00e4rung f\u00fcr das genuin Neue aus. Daf\u00fcr schleichen sich aber andere kontrollierende Kr\u00e4fte durch die Hintert\u00fcr wieder ein: Das Neue wird in der oben erw\u00e4hnten 1. L\u00f6sung durch ein Urbild, ein Altes, und den direkten Abbildungsprozess von Urbild auf Abbild erkl\u00e4rt.<\/p>\n<p>In <em>Wiedererinnerungstheorien<\/em> (seien sie platonistisch oder psycho-analytisch) gibt es das Neue schon in den herauf zu holenden Erinnerungen des Subjekts.<\/p>\n<p>In den <em>Inspirationstheorien<\/em> gibt es das Neue schon in den Gedanken Gottes: Der Sprung wird \u00fcberbr\u00fcckt \u00fcber die g\u00f6ttliche Inspiration \u2013 es ist der rettende Musenkuss aus der jenseitigen, allwissenden Welt Gottes, der uns freundlicherweise an seinem Reichtum teilhaben l\u00e4sst. Das Subjekt sucht nicht wirklich, es wartet einfach \u2013 bis es mit Gottes Gnade inspiriert wird. Das Subjekt ist passiv. Dies hat die K\u00fcnstler, die sich dieses Paradigma zu eigen machten, nie gest\u00f6rt, da sie zwar passiv waren, aber daf\u00fcr Auserw\u00e4hlte \u2013 die Pinsel des Herrn.<\/p>\n<p>Die <em>Empiristen<\/em> verfahren nicht viel anders \u2013 die Logik wird nur in die Horizontale gedreht: Das Denken des Subjekts ist Effekt der Umwelt. Im Empirismus gibt es das Neue bereits in der Umwelt, wenn auch nicht in gedanklicher Form.<\/p>\n<p>In allen diesen drei Theoriengruppen gibt es das Alte schon anderswo, es wird nur repr\u00e4sentiert und was noch viel wichtiger ist: <em>das Alte bringt das Neue direkt hervor<\/em>. Es wird importiert, kopiert. Alle drei Theorien l\u00f6sen Platons Paradox im Sinne der ersten Antwort, indem sie das genuin Neue eliminieren: Jeder neue Gedanke ist in seiner<em> Genese<\/em> nur Abbild und Effekt eines Gegebenen, copy &amp; paste.<\/p>\n<p>Nur die zweite Antwort auf Platons Paradox, jene die vom Sprung spricht, nimmt die Existenz von genuin Neuem an und macht \u00fcberhaupt den<em> Versuch,<\/em> es zu erkl\u00e4ren. Es wird kein Urbild und kein Abbildungsprozess postuliert. Das Neue entsteht sozusagen &#8222;aus dem Nichts&#8220;. Zufall sagt man heute gew\u00f6hnlich dazu, wenn man nicht wieder auf die Kontrolle des Subjekts zur\u00fcckf\u00e4llt und somit erneut am Anfangspunkt von Platons Paradox steht.<\/p>\n<p>\u201eAus Zufall\u201c hei\u00dft hier nichts anderes, als dass das Neue ungerichtet entsteht, nicht zielbestimmt, nicht von einem Abbild induziert und nicht im Bisherigen enthalten. Es handelt sich um einen relationalen Zufall: Etwas ist aus Zufall entstanden (1) in Relation zu unseren W\u00fcnschen, Zielen und (2) in Relation zum Inhalt des Produkts. D.h. die Ursache des Neuen steht in seiner Entstehung noch in keiner inhaltlichen Korrelation mit dem Neuen. Unser Wille, ein Ding x zu bekommen, steht in inhaltlichem Zusammenhang mit diesem x. Ein Urbild steht in inhaltlichem Zusammenhang mit dem Abbild x. Beide inhaltlichen Zusammenh\u00e4nge sind Bez\u00fcge. <em>Bez\u00fcge<\/em> geh\u00f6ren zur Kategorie der Intentionalit\u00e4t: Etwas bezieht sich auf etwas anderes. Zufall hei\u00dft hier also, dass in der Entstehung von etwas zwar ein kausaler Zusammenhang zwischen Ursprung und Produkt existiert, aber in der Entstehung noch kein intentionaler Zusammenhang (weder vorherschauend-mental-intentional noch abbild-urbild-relational).<\/p>\n<p>Die Intentionalit\u00e4t, das \u201eworum es geht\u201c, ist <em>ex post facto<\/em>. Sie wird nachtr\u00e4glich zugeschrieben bzw. zugeordnet. D.h. der Ursprung ist an sich von keiner Relevanz f\u00fcr die Bedeutung, d.h. den Inhalt eines Werkes. Der Inhalt ergibt sich aus den zugeordneten Bez\u00fcgen. Diese nachtr\u00e4gliche Zuordnung f\u00fchrt somit zu einer Art \u201eBestimmung\u201c und bewahrt die Freiheit durch den Zufall vor dem Abrutschen in die Beliebigkeit. Denn es geht bei der zweiten L\u00f6sung zu Platons Paradox nicht einfach um Zuf\u00e4lle. Es geht um <em>bestimmte Zuf\u00e4lle<\/em>.<\/p>\n<p>Auch in der Biologie spricht man von der Heraufkunft von Neuem. Auch dort konnte man sich das Neue lange Zeit nur als Effekt und Abbild eines Urbildes oder als Ableitung des Bisherigen vorstellen. Das Neue erkl\u00e4rt sich entweder als direkter Effekt und Abbild der Gedanken Gottes \u2013 wie im Kreationismus \u2013 oder als direkter Effekt und Abbild der Umwelt, wie im Lamarckismus. Auch wenn bei Lamarck Individuen das Neue durch Anstrengung hervorbringen, sind sie zu ihrem Schicksal verdammt: Jedes Individuum reagiert bei Lamarck auf die gleiche Art und Weise auf die jeweilige Umwelt nach dem Prinzip der Korrelation. Das Ergebnis ist eine gerichtete Anpassung an die Umwelt. Lamarck nahm des Weiteren eine intern gerichtete Tendenz an, die Tendenz allen Lebens, sich zum Komplexen hin zu entwickeln; eine Tendenz, bei der das Neue im Bisherigen bereits angelegt ist. Im Deismus war der Plan Gottes die Erkl\u00e4rung des Neuen. Der Plan Gottes vollzieht sich plangem\u00e4\u00df in der Geschichte. Der neue Organismus w\u00e4re damit eine direkte Reaktion auf das oder Ableitung dessen, was schon da war.<\/p>\n<p>F\u00fcr Darwin hingegen war die Natur anders. Willk\u00fcrlich, zuf\u00e4llig brachte sie Neues hervor, gepr\u00e4gt von \u00dcberschuss, von Reichtum, von Verschwendung. Die Natur kann es sich leisten und ist klug genug, es sich zu leisten, verschiedenste Abweichungen im System zuzulassen, jenseits bzw. unabh\u00e4ngig von dem Zwang, eine L\u00f6sung f\u00fcr ein Problem hervorzubringen. Vorerst, um dann sp\u00e4ter in einem zweiten Schritt zu selektieren. So wird die aus dem Zufall geborene Neuerung im Nachhinein <em>bestimmt<\/em>, d.h. ausgerichtet \u2013 in der Natur wie in der Kultur. Das Geheimnis der Produktivit\u00e4t des Zufalls liegt genau in dieser Trennung der beiden Prozesse von Variation und Selektion. In der Natur ist das Ergebnis zwar eine Art &#8222;Abbild&#8220; der Umwelt, da sich der Organismus der Umwelt anpasst, aber die neuen Eigenschaften des Organismus entstehen nicht <em>aus<\/em> Abbildung. Darwin schaffte es, die Genese einer Abbildung ohne <em>Abbildungsprozess<\/em> zu erkl\u00e4ren. Das ist das Besondere an seiner Theorie. Die Variation entsteht ungerichtet. Erst die Selektion sorgt f\u00fcr die Ausrichtung.<\/p>\n<p>Zur\u00fcck zur Kreativit\u00e4t des Menschen: Der Zufall kann im Menschen eine Tiefe geb\u00e4ren, die von unten kommt, nicht von den H\u00f6hen des metaphysischen Himmels, nicht von den verh\u00e4rteten Regionen der Psyche, nicht aus den sozialen oder deduktiven Seilschaften bisherigen Wissens und auch nicht aus den Weiten der Umwelt. Die Transzendenz ist unglaubw\u00fcrdig und das im Hier und Jetzt Vorhandene ist langweilig geworden, der Zufall hingegen lebendig. Der Zufall allein gebiert Sub-versionen des Daseins und l\u00e4sst dem Subjekt den Raum der nachtr\u00e4glichen aktiven Selektion. D.h., wenn das Subjekt \u00fcberhaupt eine Rolle spielt (in den Varianten der 1. L\u00f6sung zu Platons Paradox ist das Subjekt immer passiv), dann muss es sich mit dem Zufall verb\u00fcnden. Freiheit hei\u00dft Offenheit.<\/p>\n<p>Freiheit als Offenheit ist eine negative Freiheit, eine Freiheit von Etwas: Freiheit von jeglicher Beschr\u00e4nktheit, von jeglicher Enge der M\u00f6glichkeiten. Freiheit wie sie in der Kreativit\u00e4t deutlich wird, hei\u00dft aber auch Freiheit zur Entscheidung. Diese positive Freiheit \u2013 eine Freiheit zu Etwas \u2013 besteht in dem Annehmen der neuen Ideen. Es ist nicht die Freiheit eines Initiators, sondern es ist eine Freiheit im Urteilen und Annehmen, ein Wollen dessen, was man hervorgebracht hat, ohne in der Genese willentliche Kontrolle auszu\u00fcben. Kreativit\u00e4t bedeutet Gl\u00fcck \u2013 nicht Erfolg. Erfolg hat man \u2013 nach einem alten Sprichwort \u2013 wenn man bekommt, was man will, Gl\u00fcck, wenn man will, was man bekommt.<\/p>\n<p>John Cage soll angeblich geschrieben haben:<\/p>\n<p>\u201eWhen you are working, everybody is in your studio \u2013 the past, your friends, the art world, and above all, your own ideas \u2013 all are there. But as you continue painting, they start leaving, one by one, and you are left completely alone. Then, if you are lucky, even you leave.\u201d (zit. bei Dennett, D.C. (2001). In Darwin\u2019s Wake, Where Am I? (APA Presidential Address) <em>Proceedings and Addresses of The American Philosophical Assoc.<\/em> 75\/2, 13-30, hier s. 9)<\/p>\n<p>Freiheit hei\u00dft Offenheit. Durch sie wird der Zufall lebendig. Zumindest in J\u00fcrgen Sch\u00f6nlebers Bildern.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Katalog Bilder 95 &#8211; 99, Regensburg 1999, S. 5 \/ Autor: J\u00fcrgen Sch\u00f6nleber &#8222;Was wollen Sie mit diesem Bild sagen&#8220;. Eine Frage \u00fcber die der versierte Kunstbetrachter vielleicht l\u00e4chelt, welche sich aber trotzdem zur weiteren Reflexion lohnt. Die Frage resultiert aus einer Eigent\u00fcmlichkeit der Sprache, welche auf der Unterscheidung von Medium und Sinn aufbaut. 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